Als wir an Wochenende um den 6. März 2026 im thüringischen Oelsen zusammenkamen, versetzten wir uns gedanklich in die ersten Monate des Jahres 1861, eine Zeit, in der die Vereinigten Staaten von Amerika an einem Scheideweg standen. Nach der Wahl von Abraham Lincoln erklärten mehrere Südstaaten ihren Austritt aus der Union. Misstrauen, Angst und politische Spannungen lagen schwer über dem Land. Alte Freundschaften zerbrachen, Nachbarn standen sich plötzlich als Gegner gegenüber, und überall im Land begannen Männer, sich zu organisieren, zu rüsten und Stellung zu beziehen.
Genau in diese unruhige Zeit versetzten wir uns auf der Dunn Ranch in den Goatback Mountains.
Der Auftakt unseres Szenarios war ein geheimes Treffen. Vertreter und Unterstützer der Südstaaten hatten sich auf der abgelegenen Ranch eingefunden, um über ihre nächsten Schritte zu beraten. In einer Atmosphäre aus Vorsicht und Entschlossenheit wurden Waffen versteckt, Vorräte gesichert und Pläne geschmiedet. Niemand wusste genau, wem man noch trauen konnte, denn in solchen Zeiten ist Loyalität ein kostbares und seltenes Gut.
Und tatsächlich sollte sich bald zeigen, dass nicht jeder am Tisch war, der er vorgab zu sein. Der miefige Geschmack von Verrat lag in der Luft.
Gerüchte machten die Runde, Hinweise verdichteten sich, und schließlich fiel der Verdacht auf eine Frau, die sich als Spionin der Union entpuppte. Die Lage spitzte sich zu, als kurz darauf die ersten Patrouillen der Unionskavallerie in der Umgebung gesichtet wurden. Was zunächst nur ein Flüstern im Wind gewesen war, nahm plötzlich sehr reale Formen an.
Die dargestellte Szene wurde sehr realistisch und mit großer Hingabe von beiden Seiten gespielt. Da der Lieutenant der Union sein schauspielerisches Talent voll zur Geltung bringen konnte, tauchte man sehr gut in eine mit großer Ungewissheit behaftetes Geschehen ein, welches wirklich so gewesen sein könnte. Da die Zeichen eh schon auf Verrat standen, hatte man wohlweislich die North Carolina Jungs und Teile der Kavallerie überall im Vierecks Hof im zweiten Stock an den Fenstern positioniert. Diese streckten beim ausgemachten Zeichen, dem Läuten der Hofglocke, ihre Gewehre und Revolver aus den Fensterläden. Was für ein Bild, ich stand einfach nur da und bewunderte die zum Selbstläufer gewordene Szenerie. Es war so real, dass man fast kleine Blitze in der von Spannung durchsetzen Luft spuren konnte. Die Union konnte dieser Überraschung nicht standhalten und zog sich unter schweren Protesten, mit der Androhung auf ein Nachspiel zurück.
Die vermeintliche Spionin wurde festgesetzt und einer improvisierten, aber umso leidenschaftlicher geführten Gerichtsverhandlung unterzogen. Inmitten von Anklagen, Verteidigungsreden und leidenschaftlichen Wortgefechten wurde über Schuld und Unschuld gestritten, ganz so, wie es in jener unruhigen Zeit wohl vielerorts geschehen sein mag. Die Beweise waren erdrückend, doch die Stimmung brodelte. Der ehrenwerte Richter Pitt, schoss mit seinem Revolver mehrmals wild in die Luft, um für Ruhe zu sorgen. Ein Pinkerton Detektiv gab sich zu erkennen, man kann seinen geistigen Zustand letzten Endes nicht mehr rekapitulieren, doch spielten seine nicht ganz so weise gewählten Worte, dem Ankläger stark in die Hände. Kurzum wurde dieser auch gleich mit verhaftet. Schließlich wurde das Urteil gesprochen: Gefängnisstrafe in Richmond.
Doch damit war die Geschichte noch lange nicht zu Ende.
Wie so oft im Krieg blieb auch dieses Urteil nicht unangefochten. Noch in der Nacht gelang es Kräften der Union, die Gefangene zu befreien. Was als geheimes Treffen begonnen hatte, entwickelte sich nun endgültig zu einer offenen Konfrontation.
Am nächsten Tag griffen Unionsverbände die Dunn Ranch an.
Es folgten harte Gefechte, in denen die Verteidiger der Ranch mit Entschlossenheit und Mut ihre Stellung hielten. Wilde Kanonaden wechselten hin und her. Staub wirbelte auf, Pferde stampften über das Gelände, und immer wieder hallten Befehle über das Feld. Die Infanterie Einheiten schossen Salven über Salven und teilweise, warf der Schwarzpulverdampf mit seinen vorbeiziehenden Wolken richtige Schatten auf das Schlachtfeld. Die Kavallerie sprengte heran und unter wildem Getöse, fuhren die Blanken Waffen auf einander. Als die Kavallerie sich zurückzog entbrannte ein weiteres Feuergefecht der Geschütze. Diese machten den Rebellen schwer zu schaffen, daher musste nun die Kavallerie mit ihren Revolvern den angreifenden Feuerspeiern das Maul zu stopfen. Unter großem Risiko gelang dieses waghalsige Unterfangen, da die Attacke gekonnt vom Sergeanten Williamson geführt wurde. Dies besiegelte den Untergang der bis dahin tapfer gekämpften Unionisten und trieb sie in eine tollkühne Flucht, gefolgt von der Rebellen Infanterie. Trotz aller Intensität des Spiels war jederzeit spürbar, mit wie viel Respekt, Disziplin und Verantwortung alle Beteiligten agierten.
Am Ende spiegelten sich vor allem zwei Dinge: der Eindruck eines glorreichen Miteinanders und eines lebendig gewordenen Stücks Geschichte.
Doch so eindrucksvoll die Gefechte auch waren, der wahre Wert dieses Wochenendes lag vielleicht an ganz anderer Stelle.
Es war der außergewöhnlich gute Zusammenhalt unter allen Teilnehmern. Menschen aus verschiedenen Einheiten, Regionen und Hintergründen kamen zusammen, um ein gemeinsames Erlebnis zu schaffen. Man half sich gegenseitig, lachte miteinander und lernte neue Kameraden kennen.
Die Organisation durch die Veranstalter war dabei hervorragend. Vom Ablauf des Szenarios bis hin zur Betreuung von Menschen und Tier war alles durchdacht und mit großer Sorgfalt umgesetzt.
Auch reiterlich war das Wochenende äußerst zufriedenstellend. Besonders erfreulich ist, dass alle Reiter und Pferde die Veranstaltung ohne Blessuren überstanden haben und wohlbehalten wieder nach Hause zurückkehren konnten. Denn das sollte bei jeder Veranstaltung oberste Priorität haben.
Und wenn am Abend die Dunkelheit über das Lager fiel, begann der vielleicht schönste Teil des Tages. Am knisternden Lagerfeuer wurden Geschichten erzählt, gemeinsam Jambalaya gekocht, Erfahrungen ausgetauscht und Pläne für kommende Veranstaltungen geschmiedet. Man sprach über Geschichte, über Pferde, über die großen und kleinen Geheimnisse des Lebens, und manchmal auch über ganz triviale Fragen, die uns trotzdem alle beschäftigen.
Solche Momente erinnern daran, warum wir dieses Hobby so sehr lieben.
Reenactment bedeutet mehr, als nur Uniformen zu tragen oder Schlachten nachzustellen. Es ist der Versuch, Geschichte zu verstehen, indem man sie gemeinsam erlebt. Es ist Kameradschaft, Vertrauen und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, auch wenn es nur für ein Wochenende ist.
Am Ende dieses Treffens waren viele von uns müde, vom Reiten, vom Marschieren und vom intensiven Erleben dieser Tage. Aber gleichzeitig waren wir auch erfüllt von Dankbarkeit und Freude.
Denn wir wussten: Wir hatten gemeinsam ein kleines Stück Geschichte lebendig werden lassen.
Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Sinn solcher Treffen. Nicht nur die Vergangenheit darzustellen, sondern im Miteinander etwas zu finden, das auch heute noch Bestand hat, damit wir die Gegenwart besser verstehen und die Zukunft friedlicher und besser gestalten können.
So freuen wir uns alle auf die nächsten Treffen.
For south and liberty
Lieutenant from Georgia,
William Baldwin Wallace
1 CS-Cavalry
Bildergalerie C&S Photography
